Was haben Stephen Colbert und Gerhard Polt gemein?

Im Rahmen des Erweiterungsstudiums Medienpädagogik habe ich mich mit dem Thema Parasoziale Interaktion befasst und hierzu „The Late Show with Stephen Colbert“ und Gerhard Polts „Warten auf Dillinger“ herangezogen. Gibt es dazu noch schönere Beispiele? 🙂

Ziel von Medien wie Fernsehen und Radio ist es, den Zuschauer bzw. Zuhörer möglichst langfristig zu binden. Im Idealfall wird eine Beziehung aufgebaut, die letztlich auch aktives Handeln im Sinne von Interaktion beim Rezipienten hervorruft. Horton und Wohl haben hierzu bereits 1956 den Begriff „Parasoziale Interaktion“ geprägt. Es geht dabei um die Beobachtung, dass zwischen Rezipienten und Akteuren ein Beziehungsgeflecht entsteht, welches mit realer sozialer Interaktion vergleichbar ist — die Zuschauer reagieren somit häufig auf mediale Inhalte als wären diese real. Parasoziale Interaktion findet nach Gleich (1996) während der Rezeption statt — eine darüber hinausgehende und nachwirkende Einstellung zu einem medialen Akteur bezeichnet er als „Parasoziale Beziehung“. Die Interaktion ist vom Akteur einseitig kontrolliert — dem Rezipienten ist dies nicht möglich.

  • Um eine parasoziale Interaktion zu initiieren und zu befördern stehen den Akteuren verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung:
  • Der Akteur ist der Kamera und damit dem Zuschauer zugewandt (breaking the fourth wall)
  • Der Akteur verwendet die direkte Anrede (breaking the fourth wall)
  • Der Akteur spricht, als ob er sich persönlich oder privat unterhielte
  • Dabei wird den Zuschauern in (mehr oder weniger) vertraulicher Weise etwas über die Handlung und/oder die sozialen Beziehungen in der Sendung zu verstehen gegeben; die Zuschauer werden sozusagen „eingeweiht“
  • Der Akteur tritt regelmäßig und zuverlässig zur immer selben Sendezeit auf

Nachfolgend sollen die oben genannten Aspekte an Beispielen untersucht werden. Hierzu sollen Ausschnitte aus „The Late Show with Stephen Colbert“ sowie „Gerhard Polt, Fast wia im richtigen Leben, Warten auf Dillinger“ herangezogen werden.

The Late Show with Stephen Colbert (Ausstrahlung: 16.12.2016)
Bereits zu Beginn des Ausschnitts (00:00 – 00:02) begrüßt Colbert die Zuschauer mit den Worten „Welcome to the Late Show — I’m Stephen Colbert“. Der TV Host ist dabei dem Publikum (sowohl dem Realen als auch dem Publikum vor den TV-Geräten) zugewandt. Auch am Ende des Ausschnitts (05:35 – 05:40) verabschiedet er sich direkt mit den Worten „Merry Christmas everybody!“

Das Stilmittel breaking the fourth wall  wird von ihm angewandt — es bezeichnet „das Durchbrechen einer vierten Wand“. In einem Studio dienen die Rückwand und meist auch die Seitenwände als Kulisse, um Atmosphäre zu schaffen. Die dem Publikum zugewandte Seite ist dabei natürlich offen. Analog dazu kann man ein Fernsehgerät (insbesondere die früheren Röhrenfernseher) als eine Art Schachtel verstehen, dessen Vorderseite für den Zuschauer geöffnet ist. Dies alleine könnte man schon im physischen Sinne als ein Durchbrechen der vierten Wand bezeichnen. Jedoch wird dies erst erreicht, wenn der Akteur, wie oben bereits beschrieben, dies auch als Stilmittel einsetzt. Stephen Colbert zeigt in seiner Late Show damit, dass er sich eines Publikums bewusst ist und diese Grenze (Akteur vs. unbemerkter Rezipient) für ihn wegfällt.

Während des gesamten Ausschnittes sorgt er für eine persönliche Atmosphäre, die er zwischen sich und den Zuschauern (sowohl zuhause als auch im Studio) aufbaut: „If you catch somebody underneath mistletoe, tradition says you can kiss that person, whether they want it or not. It should be called Mistle-Trump.“ (03:55 – 04:05). Oder auch an dieser Stelle (04:18 – 04:24): „And before you go calling me a party pooper you should know the real party pooper is mistletoe.“

Die persönliche Atmosphäre liegt auch in Colberts jovialer und ungezwungener Art begründet — er baut damit zwischen sich und dem Publikum eine vertraute Beziehung auf.

Obwohl Stephen Colbert in seiner Show auf einen Sidekick verzichtet, gibt es kurze Interaktionen mit dem Bandleader Jon Batiste (01:26 – 1:32, 3:14 – 3:30, 4:12 – 4:19, 4:45 – 4:51). Die Rezipienten werden somit in fast jeder Folge auf vertraute Art und Weise Zeugen und Mitwisser kurzer sozialer Beziehungen und befinden sich damit gefühlt in einem gewohnten Umfeld.

Stephen Colberts Late Show wird täglich nachts um 23:35 Uhr (Eastern Time) von Montag bis Freitag ausgestrahlt. Die Regelmäßigkeit und die häufigen Episoden befördern eine enge Bindung zwischen dem Akteur und dem Publikum.

 

Gerhard Polt, Warten auf Dillinger (Ausstrahlung: 04.01.1982)
Auch in diesem Beispiel ist Gerhard Polt, in seiner Rolle als Vorarbeiter oder Chef/Meister), der Kamera und dem Publikum zugewandt. Bereits zu Beginn des Ausschnitts (ab 00:15) klärt er die Zuschauer über die Missstände auf der Baustelle auf: Dillinger, eine für das Vorhaben anscheinend äußerst wichtige Person, erscheint nicht. Mit stoischer Ruhe und anscheinend sinnbefreit erklärt Polt als Kapo in epischem Ausmaß die Absenz Dillingers. Auch hier ist das Paradigma “breaking the fourth wall” schön zu erkennen. Während er sich von seinem Pritschenwagen eine Flasche Bier holt redet er weiter — die Kamera fährt mit und sorgt dafür, dass für das Publikum das Gefühl entsteht “nah dran zu sein” (1:05 – 1:21).

Die Ausführungen Polts sind während des gesamten Ausschnitts von privatem, ja bodenständigem Duktus geprägt und sprechen das Publikum direkt an (“I muass song, oiso, wenn da Dillinger nicht kimmt, nen, na geht gar nix. Na geht ja nichts mehr weida…”, 00:18 – 00:28).

Wie der Titel der von 1979 – 1988 ausgestrahlten Fernsehserie schon vermuten lässt, geht es bei Polts Sketchen um Geschichten, die das Leben schrieb. Polts Rollen sind Menschen zum Anfassen, Menschen mit denen man sich identifizieren kann oder deren Charaktereigenschaften man in seinem eigenen Umfeld findet. Dies führt unweigerlich zu einer besonderen Nähe und Verbundenheit zwischen Akteur und Rezipient.

Wenngleich auch die 12 Episoden innerhalb eines Produktionszeitraums von 9 Jahren äußerst langfristig gestreckt erscheinen, so muss an dieser Stelle betont werden, dass gerade diese Fernsehserie in fast allen dritten Programmen häufig wiederholt gezeigt wurde und wird.