Medieninduzierte Angstreaktionen

Kinder und Jugendliche konsumieren bisweilen Medien, die bei ihnen Angstzustände auslösen können. Die Gründe, warum diese Inhalte die Aufmerksamkeit der Rezipienten wecken, sind vielfältig. Ebenso sind die Bewältigungsstrategien, die von den Heranwachsen- den bei der Verarbeitung herangezogen werden, zu unterscheiden. Vor diesem Hintergrund sehen sich viele Eltern in der Verantwortung, erzieherisch zu reagieren und ihren Kindern zu helfen. Dies kann sowohl die Vermeidung medieninduzierter Ängste als auch den Umgang mit bereits erfolgten Angstzuständen betreffen.

Angst vs. Ängstlichkeit

Es ist wichtig, die Begriffe Angst und Ängstlichkeit voneinander zu unterscheiden. Während unter Angst (englisch: state anxiety) eine Verhaltensdisposition, also eine Veränderung des momentanen Zustands gemeint ist („die Person hat gerade Angst“), beschreibt Ängstlichkeit (englisch: trait anxiety) eine grundlegende Charaktereigenschaft („es handelt sich um eine eher ängstliche Person“). Medieninduzierte Angstreaktionen sind situationsbezogene Veränderungen und betreffen somit die Eigenschaft Angst, wobei ängstliche Personen noch schneller und intensiver in diesen Zustand versetzt werden können. Gleichzeitig können diese medialen Stimuli eine generelle Gewaltbereitschaft und auch zunehmende Angst und Verunsicherung im Alltag nachhaltig zur Folge haben.

Medieninduzierte Angstreaktionen

Verschiedene Studien belegen sowohl die Verbreitung als auch die nachgewiesene, nicht unerhebliche Dauer und Intensität von medieninduzierten Angstreaktionen bei entsprechenden medialen Stimuli. Dabei wurden vereinzelt auch verhaltensverändernde Umstände nachgewiesen (CANTOR, J.: The media and children’s fears, anxieties, and perceptions of danger. Handbook of children and the media, 2001, S. 207-221). Die mean/scary world-Hypothese geht von der Vermutung aus, dass erhöhter Medienkonsum besagter Inhalte einhergeht mit starken Ängsten, da die Medien ein Spiegelbild der sozialen Welt sind, mehr noch sogar, dass sie diese Realität verstärkt überzeichnen und häufig einseitig Gewalt und Horror akzentuieren (GERBNER,G.: Über die Ängstlichkeit von Vielsehern. Fernsehen und Bildung 12, 1978, S. 48-58).

Zwar wurde Kritik an der etwas undifferenzierten Annahme von Gerbner über die Art der Analyse von Programmen und Sendungen im Fernsehen geäußert, es gibt jedoch auch empirische Befunde, die seine Hypothese stützen. Damit verbunden muss der Frage nachgegangen werden, warum gerade diese Inhalte trotz der negativen Einflüsse auf die Rezipienten nachgefragt und konsumiert werden.

Medien, die Gewalt und Horror zum Thema haben, üben eine zunächst paradox erscheinende Anziehungskraft auf viele Rezipienten aus. Zuckerman (ZUCKERMAN,M.: Sensation seeking and the taste for vicarious horror. Horror films: Current research on audience preferences and reactions, 1996) prägte in diesem Zusammenhang den Begriff sensation seeking: Personen suchen neue und aufregende Eindrücke und sind bereit, negative Folgen – in diesem Fall Angst – auf sich zu nehmen. Auch Zillmann (ZILLMANN, D.: Attribution and misattribution of excitatory reactions. New directions in attribution research, 1978) entwickelte die excitation transfer-Theorie, wonach Rezipienten beim Betrachten von Gewalt und Horror erregt werden und dieser Zustand nach dem Konsum in ein erleichtertes Gefühl mit positivem Empfinden abflachen kann.

Bewältigungsstrategien

Medieninduzierte Angstreaktionen beeinflussen das Verhalten der Rezipienten. Bereits während und auch noch nach dem Konsum entsprechender Stimuli werden häufig Bewältigungsstrategien angewandt (coping). Je nach Alter und Entwicklung der Rezipienten kann man nicht-kognitive von kognitiven coping-Strategien unterscheiden. Vorschulkinder nutzen hier vor allem nicht-kognitive Strategien. Diese umfassen beispielsweise das Zuhalten der Augen, Essen oder Trinken oder die Klammerung an ein Bindungsobjekt. Mit zunehmenden Alter sind die Kinder in der Lage, diese Eindrücke kognitiv zu verarbeiten, zum Beispiel indem Bedrohungen heruntergespielt und verharmlost werden. Auch Unterschiede im Verhalten bei Jungen und Mädchen können beim coping festgestellt werden, es ist aber nicht auszuschließen, dass diese aufgrund gewisser Erwartungen an klassische Geschlechterrollen zustandekommen (unempfindliche Männer vs. Gefühle zeigende Frauen).

Ratschläge für Eltern

Eltern, die von zunehmenden Ängsten ihrer Kinder berichten, müssen mit ihren Sorge ernstgenommen werden. Im Idealfall können die Erziehungsberechtigten bereits im Vorfeld Vorkehrungen treffen, um medieninduzierte Angstreaktionen zu vermeiden oder zumindest möglichst gering zu halten. Aber auch der richtige Umgang nach erfolgtem Konsum und dessen Folgen ist entscheidend im Hinblick auf die weitere Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Prävention

Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass Eltern ihre Kinder soweit wie möglich von Medien, die Ängste auslösen, fernhalten sollten. Ein erster grober Anhaltspunkt sind sicherlich die Altersangaben der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK). Kinder und Jugendliche sind aber auch in ihrem Entwicklungsstand und ihrer Verhaltensdisposition (Stichwort: Ängstlichkeit) unterschiedlich. Deshalb sind Altersfreigaben auch nur als Richtwerte zu verstehen, deren Auslegung im Ermessen der Eltern liegen muss.

Darüber hinaus ist es auch ratsam, dass Eltern mit ihren Kindern gemeinsam Medien konsumieren. Dieses begleitete Erforschen gibt Kindern eine emotionale Stütze und hat auch den Effekt, dass sie mit ihren Interessen ernstgenommen werden. Mit zunehmendem Alter und mehr Reife können Eltern sich dann sukzessive zurücknehmen – Gespräche mit den Kinder über ihr Medienverhalten und die gesehenen Inhalte sollten aber auch weiterhin erfolgen. Im Sinne des sensation seeking und excitation transfer können Eltern auch gemeinsam mit ihren Kindern Medien konsumieren, die unter Umständen Ängste verursachen. Dabei ist wichtig, dass im Vorfeld über die Anziehungskraft (sensation seeking) dieser Medien gesprochen wird („Warum sehen wir uns gemeinsam diesen gruseligen Film an? Haben wir dabei einen wohligen Schauer oder nur pure Angst? Müssen wir bis zum Ende sehen oder schalten wir vorher ab? Wo sind unsere Grenzen?“). Auch die Verbalisierungen der Familienmitglieder nach dem Konsum über mögliche positive Gefühle der Erleichterung (excitation transfer) sind äußerst wichtig für die Verarbeitung.

Um ein Verhalten im Sinne der mean/scary world-Hypothese zu vermeiden ist es auch wichtig, dass die Eltern die Dauer und Intensität des Medienkonsums ihrer Kinder mit ihnen hinterfragen und auch kontrollieren. Hier gilt es, klare Regeln aufzustellen und Grenzen zu definieren, die dann auch eingehalten werden sollten.

Was die coping-Strategien anbelangt, sollten diese ernstgenommen und altersadäquat unterstützt werden. Dies gilt auch für die Intervention.

Intervention

Haben bereits medieninduzierte Angstreaktionen stattgefunden und gehen diese womöglich mit Veränderungen im Verhalten einher, sollten Eltern (spätestens dann) die Thematik mit ihren Kindern besprechen. Es ist wichtig, dass verbalisiert wird, was einem Angst bereitet. Auch die Gründe für den Konsum dieser Medien mag dabei helfen, die Angstzustände einzudämmen – werden Horrorfilme in der Peer-Group als Mutprobe angesehen, suchen die Kinder diese Eindrücke von sich aus oder hat zufälliges, nicht selbst-gesteuertes Konsumieren dazu geführt?

Im Sinne der mean/scary world-Hypothese ist den Heranwachsenden in Gesprächen aufzuzeigen, dass entsprechende mediale Stimuli ein überzeichnetes und verzerrtes Bild der Realität wiedergeben. Vorsicht ist aber bei der Verharmlosung geboten. Die Kinder und Jugendlichen müssen in ihren Ängsten ernst genommen werden (Einem sensiblen Menschen zu sagen, er solle sich keinen Kopf machen, ist genauso, als würde man dem Wasser befehlen, nicht mehr nass zu sein).

Auch beim Bewältigen der Stresssituationen nach erfolgtem Konsum sollten die Kinder nach Möglichkeit unterstützt werden. Im Sinne der häufig noch vorherrschenden traditionellen Geschlechterstereotype ist es auch ratsam, gerade den Jungen zu signalisieren, dass Angst keine „unnmännliche“ Eigenschaft ist, und dieser Zustand gezeigt und verbalisiert werden kann, darf und auch sollte.

Fazit

Medieninduzierte Angstreaktionen sind für die Beeinflussung von Entwicklungsprozessen bei Kindern und Jugendlichen nicht zu unterschätzen. Erwachsene benötigten für dieses sensible Thema das richtige Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Heranwachsenden. Je nach Alter und Entwicklungsstand sollten Kinder wenig bis gar nicht medialen Stimuli ausgesetzt werden, die für sie ungeeignet sind und sie in ihrer Entwicklungsweise beeinträchtigen könnten. Endgeräte, mit denen diese Medien konsumiert werden können, sollten so lange wie möglich auch aus Kinder- und Jugendzimmern fernbleiben, damit ein alleiniger Konsum ohne Erziehungsberechtigte verhindert wird.