Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung in Breaking Bad und Game of Thrones


Moralische Dilemmata sind häufig Gegenstand von Erzählungen in den Unterhaltungsmedien. Sie tragen mit zu einer abwechslungsreichen und spannenden Handlung bei. Gleichzeitig kann die Darbietung von Dilemmaargumenten unterschiedlicher Stufung zu einer Förderung der Moralentwicklung mit beitragen. Im Folgenden sollen Episoden der TV-Serien „Breaking Bad“ und „Game of Thrones“ und die darin enthaltenen Dilemmasituationen näher untersucht werden.

Stufenmodell der Moralentwicklung

Nach Kohlberg kann die moralische Entwicklung in 6 Stufen unterteilt werden:

Stufe 1: Orientierung an Bestrafung und Gehorsam, Unterordnung
Stufe 2: Befriedigung eigener Bedürfnisse und Bedürfnisse Anderer
Stufe 3: Moralisches Handeln aufgrund Zustimmung durch Dritte
Stufe 4: Orientierung an Recht und Ordnung
Stufe 5: Orientierung an individuellen Rechten und Standards, Unveränderbarkeit von Gesetzen wird in Frage gestellt
Stufe 6: Orientierung an allgemeingültigen ethischen Prinzipien

Im Sinne der “+1-Konvention” werden Dilemmata in den Medien häufig so konstruiert, dass zwei sich ausschließende Werte auf unterschiedlichen Stufen beruhen. Beispielsweise folgt einem Argument auf Stufe 2 ein Argument auf Stufe 3. Somit kann das moralische Urteilsvermögen von Personen gefördert werden, die sich selbst noch auf Stufe 2 befinden. Im Umkehrschluss kann der Konsum von Medien, die lediglich das moralische Urteilsvermögen der eigenen Stufen bestätigen und keine höheren Argumente anbieten, zu einer Behinderung der Entwicklung führen.

Breaking Bad – Pilot

Breaking Bad, eine US-Serie über den Chemie-Lehrer Walter White, der unheilbar an Lungenkrebs erkrankt ist und dadurch auf die schiefe Bahn gerät, ist voller Dilemmata. Bereits im Piloten der ersten Staffel wird Whites schwere Erkrankung offenkundig. Der Protagonist, der bereits vor Diagnose der Erkrankung mit seinem dürftigen Gehalt sich und seine Familie kaum ernähren kann und deshalb auf einen Zweitjob als Autowäscher angewiesen ist, sieht keinen anderen Ausweg als seine Laborkenntnisse für die Herstellung von Crystal Meth zu nutzen. Mit dem Verkauf dieser illegalen Droge verfolgt Walter White zwei Ziele: die Behandlungskosten zu bezahlen und finanziell für seine Familie, im Falle seines Todes, vorzusorgen. Der eher bieder erscheinende Walter wirkt bodenständig und moralisch gefestigt. Umso überraschender ist sein krasser Wechsel in die Illegalität und Kriminalität. Das Dilemma das hier bereits in der ersten Folge aufgezeigt wird ist für White von überlebenswichtiger Bedeutung: Soll er sein Leben wie bisher weiterführen und finanziell an den Behandlungskosten seiner diagnostizierten Krankheit gemeinsam mit seiner Familie zugrunde gehen, also passiv bleiben? Oder entscheidet er sich für eine aktive Offensive und nimmt die Dinge selbst in die Hand, koste es, was es wolle? Gleich zu Beginn des Piloten, als Walter White irrtümlich glaubt, von der Polizei für seine Drogenvergehen festgenommen zu werden, versucht er sich das Leben zu nehmen. In einem Abschiedsvideo wählt er dabei diese Worte, die er an seine Frau und seinen Sohn richtet:

My name is Walter Hartwell White. I live at 308 Negra Arroyo Lane, Albuquerque, New Mexico, 87104. To all law enforcement entitles, this is not an admission of guilt. I am speaking to my family now. Skyler, you are the love of my life. I hope you know that. Walter Junior, you’re my big man. There are . . . there are going to be some things that you’ll come to learn about me in the next few days. I just want you to know that no-no matter how it may look, I only had you in my heart. Goodbye.

White befindet sich in einem Dilemma zwischen Kohlbergs Stufen 4 und 5. Einerseits die Ohnmacht gegenüber der Krebsdiagnose, die Hilfslosigkeit und Überforderung, nachdem sein ganzes Leben umgeworfen wird. Er könnte sich dieser fremden Macht über seinen Körper fügen, die Autorität des Tumors respektieren. Außerdem ist zu erwähnen, dass sich White in einem rechtsstaatlichen Gefüge befindet, das er zu respektieren scheint. Vor der Diagnose wird er als normaler rechtschaffener Bürger skizziert. Andererseits ist die Schwere der Krankheit und die damit verbundenen gravierenden Veränderungen für ihn und seine Familie eine immense Bedrohung. Die Angst davor lässt ihn an der Unveränderbarkeit von Gesetzen zweifeln und er setzt sich schlussendlich auch darüber hinweg.

Game of Thrones – Season 1 Episode 9

Auch in George R.R. Martins Fantasy-Epos finden sich Menschen in Situationen, die Entscheidungen von gewisser Tragweite implizieren. In der „Baelor“ genannten Folge spielt sich folgender Handlungsstrang ab: Aufgrund einer Fehde zwischen den Häusern Lannister und Stark zieht Robb Stark in den Krieg gegen den verhassten Kontrahenten. Sein Stiefbruder Jon Snow hat sich und sein Leben inzwischen der Night’s Watch verschrieben. Durch einen Eid schwor er für den Rest seines Lebens der Nachtwache zu dienen. Stationiert ist er, wie alle Mitglieder dieser Wache, in Castle Black, welches zusammen mit The Wall als Bollwerk gegen den Norden und die dort lebenden Wildlinge dient. Die Nachtwache bietet Menschen jeglicher Herkunft die Möglichkeit, das Königreich zu verteidigen — Adelige treten ihr unter Aufgabe sämtlicher Ländereien und Titel bei, Kriminelle entgehen durch den Beitritt ihnen drohenden Strafen. Der Preis der hierfür zu bezahlen ist erscheint hoch: Verpflichtung auf Zölibat, Abbruch jeglicher Verbindungen zur Familie, politische Neutralität, unbedingter Gehorsam und der Schwur, niemals aus der Nachtwache auszutreten oder zu desertieren gehören dazu.

Jon Snow erfährt von seinem Freund Samwell Tarly über den Feldzug seines Bruders Robb:

There was a raven. I read the message to Maester Aemon. It’s your brother Robb. […] He’s heading south. To war. All his bannermen have rallied to his side, they’ll keep him safe.

Jon anwortet mit:

I should be there. I should be with him.

Später trifft sich Jon Snow mit Maester Aemon, der ihm den Grund des Zölibats für die Mitglieder der Nachtwache erklärt: Liebe verhindert Pflicht und Gehorsam.

So they will not love. Love is the death of duty. If the day should ever come when your lord father was forced to choose between honor on the one hand and those he loves on the other, what would he do?

Snow antwortet hierauf:

He would do whatever was right, no matter what.

Jon Snow kämpft mit Dilemmata auf den Kohlbergschen Stufen 1 und 2. Im feudalen Westeros herrschen Heldenethos, Pflicht und Gehorsam gegenüber Obrigkeiten und Machtstrukturen. Die von der Night’s Watch auferlegten Regeln sind unbedingt zu befolgen, Strafen wollen vermieden werden. Gleichzeitig ist er sich bewusst, dass nicht nur sein Halbbruder Robb ihn braucht, sondern auch die Familie und das Haus Stark von ihm Unterstützung erwartet. Snow entscheidet sich für seinen Bruder.

Fazit

Sowohl Breaking Bad als auch Game of Thrones verwenden häufig Dilemmasituationen in ihren Erzählungen, um die Handlungsstränge voranzutreiben und spannende Geschichten zu erzählen. Beiden Formaten liegen die für Dilemmata typischen Kohlbergschen Stufen zugrunde. Die Protagonisten entscheiden sich jeweils für die ihrer Ansicht nach moralischere Alternative, indem sie versuchen, für ihre Familien einzustehen und das ihrer Ansicht nach geringere Übel (kriminelle Handlungen, Verweigerung von Treue und Gehorsam) in Kauf zu nehmen.